Ernährung: Wieder Ruhe im Bauch
„Ich leide an Verdauungsbeschwerden, vor allem an Blähungen, Bauchdrücken und manchmal Durchfall. Kommt das von einer Nahrungsmittelallergie? Mir wurde empfohlen, viele Sachen nicht mehr zu essen“, fragt Antonia S. (47)

Hausärztin Dr. Sieglind Zehnle, Ostfildern-Scharnhausen
Wenn der Allgemeinärztin in ihrem Praxisalltag schwierige, aber typische Probleme begegnen, nimmt sie das zum Anlass für Aufklärungsarbeit über das Internet. In ihrem Blog geht sie auch auf Blähungen und Verdauungsstörungen ein. Betroffene sind oft ratlos, weil sie für diese Beschwerden viele Erklärungsansätze finden, die sie aber nur schwer richtig einordnen können.
Es antwortet Dr. Sieglind Zehnle, Hausärztin aus Ostfildern-Scharnhausen:
Echte Allergien auf Nahrungsmittel sind viel seltener, als die meisten Menschen glauben. Zum Glück, denn sie äußern sich Sekunden oder Minuten nach dem Essen und sind manchmal lebensbedrohlich. Sie beginnen mit Jucken und Schwellungen im Mund und können zu Atemnot führen – bis hin zum Kreislaufversagen, einem anaphylaktischen Schock. Wiederkehrende Verdauungsbeschwerden, wie Sie sie schildern, könnten eher auf eine Unverträglichkeit einiger Lebensmittel zurückgehen. Wer daran leidet, muss fast nie ganz auf bestimmte Speisen verzichten. Bei Ihren Symptomen ist aber auch ein Reizdarm-Syndrom oder eine andere Erkrankung möglich. Was es tatsächlich ist, lässt sich am besten durch zielgerichtete Untersuchungen beim Arzt ermitteln.
Gründlich kauen erleichtert Verdauung
Blähungen kommen häufig vor, gehen aber meist schnell vorbei. Wenn Sie länger als drei bis vier Wochen auffällig darunter leiden, sollten Sie das vom Hausarzt abklären lassen. Ist die Ursache harmlos, helfen zum Beispiel Tees mit Fenchel, Anis, Kamille, Pfefferminz oder Kümmel. Auch pflanzliche Arzneien und homöopathische Mittel stehen zur Behandlung zur Verfügung. Eventuell wissen Sie bereits, welche Lebensmittel bei Ihnen die Gasbildung im Darm verstärken. Ein Tipp: gründlich kauen. Das macht eine Reihe von Speisen leichter verdaulich. Wenn Sie mit Ihren Beschwerden zum Hausarzt gehen, wird er Sie fragen, wie und wann diese entstanden sind und wie sie sich äußern. Zudem tastet er den Bauch ab, macht eventuell eine Ultraschall-Untersuchung oder nimmt Blut ab. Ziel ist es, schweren Erkrankungen des Verdauungstrakts auf die Spur zu kommen und nötige weitergehende Untersuchungen einzuleiten.
Sofortige Behandung erforderlich
Darüber hinaus gibt es einige Warnsymptome, bei denen Patienten sofort zum Arzt gehen sollten. Diese sind: Blut im Stuhl, stärker werdendes Bauchweh, besonders, wenn es nachts einsetzt, wellenartige Koliken, die durch normale Schmerzmittel nicht nachlassen, Erbrechen oder Durchfall mit hohem Fieber; ebenso, wenn diese Beschwerden trotz üblicher Medikamente nach einigen Tagen nicht besser werden oder wenn sie mit Benommenheit, Schläfrigkeit oder Schwäche einhergehen – vor allem wenn Säuglinge, kleine Kinder oder Senioren betroffen sind. Die folgenden Informationen bieten Ihnen eine erste Orientierung über sogenannte funktionelle Verdauungsstörungen. Eine davon liegt vermutlich bei Ihnen vor:
Fruchtzucker-Unverträglichkeit
Obst ist gesund. Doch nicht allen bekommt es in größerer Menge gleich gut. Bei vielen Erwachsenen – Experten sprechen von bis zu einem Drittel – kann der Dünndarm den Fruchtzucker nicht mehr so effektiv durch die Darmwand in den Körper schleusen wie bei Jugendlichen. Die Ursache ist ein Mangel an dem benötigten Transportprotein. Als Folge gelangt mehr Fruchtzucker, Fruktose, unverdaut in den Dickdarm und wird dort von Bakterien vergoren. Dabei entstehen Gase. Betroffene leiden an Völlegefühl, Blähungen, Schmerzen oder Durchfall – und teilweise auch an depressiven Verstimmungen, weil der veränderte Darmtransport auf Umwegen die Produktion des „Glückshormons“ Serotonin beeinträchtigt.
Die meisten reagieren aber nur sensibel, wenn die Fruchtzuckerzufuhr eine gewisse tägliche Menge überschreitet. Patienten dürfen weiter Obst essen, müssen sich aber etwas umstellen. Viele vertragen zum Beispiel Bananen besser als Äpfel. Das liegt an den unterschiedlichen Verhältnissen von Fruchtzucker und Traubenzucker in einzelnen Obstarten. Auch Fett und Eiweiß fördern die Bekömmlichkeit. Essen Sie also beispielsweise einen Joghurt zum Apfel.
Schließlich sollten Patienten auf eine gute Zinkversorgung achten. Erfahrungsgemäß geht es dann vielen besser. Ihr Arzt erklärt Ihnen, worauf Sie achten müssen.
Ein „Wasserstoff-Atemtest“ bringt den Arzt auf die Spur einer Fruktose-Intoleranz. Für kurze Zeit muss der Patient dann Obst weglassen. Verschwinden die Beschwerden, erhärtet das die Diagnose. Anschließend wird die persönliche Verträglichkeitsgrenze ausgetestet.
Milchzucker-Unverträglichkeit
Etwa fünf Prozent der erwachsenen Deutschen haben Probleme, Laktose – also Milchzucker – zu verdauen. Auslöser ist ein Mangel an dem dafür nötigen Enzym Laktase. Dessen Produktion lässt bei vielen Menschen bereits während der Jugend nach. Bei dieser Laktose-Intoleranz zersetzen dann die Darmbakterien den Zucker. Der Genuss von Milch kann Durchfall, Blähungen, Rumoren im Bauch, Krämpfe, Völlegefühl und Übelkeit auslösen. Milchprodukte wie Joghurt, Sauermilch oder Käse bekommen den Betroffenen in der Regel weiterhin gut. Milchzucker-Unverträglichkeit lässt sich mit einem Atemtest nachweisen. Er funktioniert ähnlich wie ein Alkoholtest: Der Patient muss pusten, nachdem er eine Laktoselösung getrunken hat. Trotz Enzymmangels vertragen die meisten Menschen eine gewisse Menge Laktose pro Tag. Der Arzt gibt außerdem Tipps, um eine ausreichende Kalzium-Versorgung sicherzustellen.
Gluten-Intoleranz
Gluten ist ein Proteingemisch, das „Klebereiweiß“ in vielen Getreidesorten. Bei einer Gluten-Intoleranz löst einer der Bestandteile örtliche Entzündungsreaktionen aus, sobald er mit der Darmschleimhaut in Kontakt tritt. Vererbung spielt dabei eine Rolle. Noch sind aber nicht alle Faktoren erforscht. Aufgrund der Gluten-Intoleranz wird die Darmwand – je nach Ausprägung der Erkrankung – mehr oder weniger stark geschädigt, wenn Patienten glutenhaltige Speisen verzehren. Der Körper kann wichtige Nährstoffe, Vitamine, Mineralstoffe, Fett und Kohlenhydrate nur noch begrenzt aufnehmen, sodass Mangelerscheinungen drohen. Die Krankheit ist recht selten. Etwa einer von 500 Menschen leidet daran. Sie wird auch als Zöliakie oder Sprue bezeichnet.
Betroffene müssen sich ein Leben lang glutenfrei ernähren, da die Krankheit sonst schwere Auswirkungen auf den Organismus haben kann. Gluten ist unter anderem in Weizen, Roggen, Gerste und Hafer enthalten, steckt aber auch in vielen Fertigprodukten. Trotzdem gelingt eine glutenfreie Ernährung dank spezieller Lebensmittel relativ leicht. Bei konsequenter Diät erholt sich der Darm.
Besteht ein Verdacht auf Zöliakie, kann der Arzt testen, ob im Blut bestimmte Antikörper vorhanden sind. Bestätigt wird die Diagnose aber erst durch eine Magen- und Zwölffingerdarmspiegelung, bei der eine Gewebeprobe entnommen wird. Die Prozedur ist schmerzlos. Mit den heutigen Geräten ist sie gut verträglich und rasch machbar.
Reizdarm-Syndrom
Reizdarm lautet die Diagnose erst, wenn alle anderen, auch schwerwiegende Verdauungserkrankungen wie Morbus Crohn ausgeschlossen sind. Dann ist zu beachten, dass Reizdarm-Patienten auch gehäuft mit Nahrungsmittelunverträglichkeiten zu tun haben. Das ist ein Grund, warum es für Reizdarm bislang keine Therapie gibt, die mit hoher Treffsicherheit einem Großteil der Patienten hilft. Die Mitarbeit des Betroffenen ist bei dieser Erkrankung für einen Behandlungserfolg ganz besonders wichtig. Hilfreich ist, wenn Betroffene ein Ernährungsprotokoll anfertigen. Schreiben Sie drei Tage auf, was Sie essen und trinken, und notieren Sie außerdem, wann Bauchschmerzen oder Blähungen auftreten.
Quelle: Wort&Bild Verlag; HausArzt-PatientenMagazin
Foto: W&B/Cira Moro